„Frauen dürfen sichtbar sein - aber nur solange sie nicht zu laut werden“ - Shirin David greift stern-Autor an
Der Kommentar, der ihr Schweigen nahelegte
Nachdem Shirin David ihre eigene Netflix-Doku öffentlich zerlegt hatte, meldeten sich die Feuilletons. Einer der Texte erschien beim stern und lief unter der Überschrift, sie solle vielleicht lieber nur noch Selfies posten. Der Tenor des Meinungsstücks: Kritik und eine unvorteilhafte Darstellung seien schlicht der Preis, den man für Berühmtheit zahle.
Der Text bezog sich auf ihre Abrechnung mit dem Film, in der sie den Produktionsprozess als Brainwash beschrieben und erklärt hatte, sie habe die Doku sogar zurückkaufen wollen. Was sie dort inhaltlich vorgebracht hatte, könnt ihr in unserem Artikel zur Netflix-Kritik nachlesen. Der Kommentar drehte den Spieß um und machte ihren Wunsch nach Kontrolle selbst zum Problem.
Dabei blieb es nicht lange. Der stern stellte den Beitrag auf Instagram, und dort tauchte die 31-Jährige in den Kommentaren unter dem eigenen Beitrag der Redaktion auf. Später legte sie in ihrer Story noch einmal nach. Aus der Debatte über einen Dokumentarfilm wurde damit ein Streit über den Umgang von Redaktionen mit Frauen, die sich beschweren.
Ihre Antwort direkt unter dem stern-Post
Den Kern ihrer Antwort formulierte sie in einem einzigen Satz: „Wenn ein Journalist eine Frau, die öffentlich Kritik äußert, sinngemäß auffordert, doch lieber hübsch auszusehen und Selfies zu posten, bedient er ein jahrhundertealtes Muster: Frauen dürfen sichtbar sein - aber nur solange sie nicht zu laut werden, widersprechen oder Deutungshoheit beanspruchen.“ Den Kommentar selbst wertet sie als „abwertende, misogyne Reduktion einer Frau auf ihr Äußeres“.
Dem Einwand, das mit den Selfies sei doch bloß eine Metapher gewesen, nahm sie vorab die Luft: „Eine Metapher ist nicht plötzlich neutral, nur weil man sie als Metapher bezeichnet. Entscheidend ist, welches Bild man zur Herabsetzung wählt.“ Und zur Funktionsweise des Ganzen schrieb sie: „Misogynie setzt nicht voraus, dass jemand ausdrücklich ‚weil sie eine Frau ist‘ schreibt. Sie zeigt sich gerade darin, welche Stereotypen, Bilder und Abwertungen bei Frauen selbstverständlich aktiviert werden.“
Feminismus könne nach ihrer Darstellung nicht allein dort stattfinden, wo er sich gut als Kolumne drucken lasse, sondern müsse sich im eigenen journalistischen Umgang mit Frauen zeigen. Nach übereinstimmenden Berichten zog sie in ihrer Story außerdem einen Vergleich zu Christopher Nolan: Kontrolliere ein Regisseur jedes Detail seiner Produktion, gelte das als Ausweis von Genie, während dieselbe Haltung bei ihr als Kontrollzwang gelesen werde. Shirin David hat schon mehrfach thematisiert, wie über sie gesprochen wird - zuletzt, als sie sich darüber beschwerte, dass ihr niemand sage, wie geil sie sei. Diesmal adressiert sie die Presse.

