Wenn Rap und Schulunterricht aufeinandertreffen – Geht das gut?

Spontan würden die meisten wohl denken, dass Schulunterricht und Rap zwei Dinge sind, die so gut zueinander passen wie Fler und Kollegah – sprich, dass man alles tun kann, um sie zusammenzubringen, dass es der Natur nach aber niemals funktionieren wird. Mehrere Projekte von engagierten Lehrern, aber auch von Rappern selbst beweisen allerdings das Gegenteil. Sie nutzen den Unterricht, um der Rapmusik ihren schlechten Ruf zu nehmen und Schülern die Möglichkeit zu geben, Musik abseits von Gewaltverherrlichungen, Sexismus und Intoleranz zu erleben, sich mit den Schattenseiten aber auch auseinanderzusetzen. Denn Augenverschließen hilft bei diesen wichtigen Themen keinem weiter.

Die Brisanz des Deutschraps

Der deutsche Rap gehört zu den angesagtesten Musikrichtungen unserer Zeit. Immer mehr junge Menschen hören Deutschrap, die „ältere“ Generation, die vielleicht mit Fanta 4, Freundeskreis, Blumentopf und irgendwann mit Aggro Berlin, Beatfabrik und Kool Savas aufgewachsen ist, eventuell auch noch. Sprich: Der Hörerkreis nimmt weiter zu. Das liegt nicht zuletzt daran, dass auch die diversen Ausprägungen immer diffiziler werden und immer mehr neue Rapper über Kanäle wie YouTube schneller Bekanntheit erlangen. Umso wichtiger ist es, die in diesem weitverbreiteten Deutschrap inhaltlich angesprochenen Themen immer wieder genauer zu betrachten, zu untersuchen und sich darüber Gedanken zu machen.

Rap und Schule

Denn Rapper wie Ufo361, Bushido, Kollegah, die Straßenbande 187 und viele weitere erreichen teilweise Millionen von größtenteils jungen Hörern, die sich die Rapper oft auch als Vorbild nehmen. Werden Lässigkeit und Style für die Schule übernommen, kann das sogar positiv sein. Warum zum Lernen nicht ein wenig entspannter erscheinen und sich damit vielleicht auch wohler fühlen? Doch nicht jedes Wort der Texte vieler Rapper sollte genauso entspannt und unhinterfragt als Wahrheit oder gar Weisheit übernommen werden.

Debatten wie jene, die um den Echo-Skandal ausgebrochen sind, bezeugen die gespaltene Meinung bezüglich des Deutschraps und die „Gefahr“ die mitunter von ihm ausgeht. Doch sie gibt es nicht erst seit Kurzem. Während Campino seine Stimme bei der Echoverleihung Anfang des Jahres (2018) gegen Menschenverachtende Lines erhob, sprach sich schon 2011 Peter Plate von der Band Rosenstolz gegen den Bambi für Integration aus, den Bushido verliehen bekommen hatte. Vor rund 1000 Gala-Gästen bezog er Stellung: „Ich möchte morgen noch in den Spiegel schauen können. Jeder hat eine zweite Chance verdient, aber so einen Künstler auszuzeichnen ist nicht korrekt.“ Und der Spiegel titelte später polemisch „Bambi für den Bösewicht“.

Damit vor allem jüngere Schüler, die Rap hören, an denen gleichzeitig aber diverse Debatten nicht vorbeiziehen, mit wichtigen Themen richtig umzugehen lernen, bedarf es spezieller Pädagogik. Dieser können Eltern sowie Lehrer, die sich an Lehrpläne halten und den „gewöhnlichen“ Lehrauftrag erfüllen, leider nicht immer nachkommen.

Gesellschaftsthemen als Gegenstand im Unterricht

Hannes Loh, ehemaliger Rapper bei der Crew „Anarchist Academy“ in den 90er Jahren, ist inzwischen fast Fünfzig. Doch bis heute kann man ihn als einen der wichtigsten Beobachter des deutschen Raps bezeichnen. Er hat als Journalist nicht nur unzählige Artikel und Interviews veröffentlicht und als Autor fünf Bücher publiziert, die sich um die Geschichte von HipHop in Deutschland drehen. Gemeinsam mit Murat Güngör thematisierte er auch den Zusammenhang zwischen HipHop und Migration in Deutschland und stieß damit eine Debatte an, die bis zum aktuellen Zeitpunkt nicht abgeschlossen ist.

Der heutige Lehrer für Deutsch und Geschichte am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim bei Köln macht sich seit Neustem aber auch für die Behandlung von Rap und HipHop an Schulen stark. „Rap@School. Grundlagen für die pädagogische Arbeit mit Hip Hop“ heißt der Leitfaden, den er für Lehrkräfte geschrieben hat und über den sogar die FAZ berichtete. Den Grund für den Entschluss, diesen Leitfaden zu schreiben, fand Loh in der Tatsache, dass viele Lehrer mit Deutschrap keinerlei Berührungspunkte haben und diese Musikrichtung eventuell sogar abstoßend, beängstigend, kontraproduktiv für die Entwicklung der Kinder finden. Da Rap aber nun einmal ein riesiges und unbestreitbares, kulturelles Jugendphänomen ist, berühren sich Schule und Rap quasi automatisch. Das alleine sei kein Grund, den Rap zum Gegenstand des Unterrichts zu machen, die inhaltlich bedenklichen Aussagen, die manche Rapper allerdings in ihren Texten äußern, unterstrichen durchaus die Notwendigkeit, sich mit diesen differenziert auseinanderzusetzen – ein Vorgang, zu dem viele Jugendliche von sich aus vielleicht nicht in der Lage sind.

Mehr noch, die meisten Jugendlichen betrachten die Raptexte eher unkritisch und rechtfertigen beispielsweise menschenverachtende oder sexistische Lines mit dem Argument, es handele sich dabei doch nur um Kunst und in der Kunst sei alles erlaubt. Lehrer reagieren dann oftmals mit einer unmittelbaren Verurteilung und demonstrieren moralische Überlegenheit, was die Schüler überrumpelt oder zu Trotzhaltungen führt. Loh rät, dass Lehrer aus diesem Grund selbst erst einmal „unbedingt Reflexionsarbeit mit sich selbst [leisten sollten, um] die eigenen Triggerpunkte kennenzulernen.“

Wird etwa interdisziplinär an das Thema herangegangen, kann sich mittels der Rap-Texte auch geschichtlichen Phänomenen, wie dem Nationalsozialismus und ähnlich wichtigen Themen, die eines sensiblen und genauen Blicks bedürfen, genähert werden. Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit zu geben, im Deutschunterricht eigene Lines zu kreieren, dabei gewisse Regeln aufzustellen und anschließend zu besprechen, warum welche Regeln wo wichtig sind, könnte ihnen dabei helfen zu verstehen, dass auch die Kunst manchmal doch gewisse Grenzen hat, die einzuhalten sind.

Leichteres Lernen mit Rap

Nicht nur über die Inhalte der Texte lässt sich Schülern etwas beibringen, auch die Form der Rapsongs kann in den Unterricht frischen Wind bringen. Es geht hier in erster Linie darum, dass der Unterrichtsstoff in seiner „natürlichen“ und ursprünglich-didaktischen Form, wie er in Lehrbüchern und auf durchschnittlichen Lehrplänen zu finden ist, für viele Schüler einfach zu trocken und zu langweilig ist. Mittels Rapsongs, die im Grunde als Eselsbrücken fungieren, soll den Schülern das Merken der Inhalte allerdings erleichtert werden.

Das Bildungsrap-Duo bestehend aus den beiden Berlinern Vincent Stein und Robin Haefs beispielsweise hat sich mit ihrer Website zum Ziel gesetzt, mit seit 2006 produzierten „Rapucation Songs“ Bildungsinhalte zu vermitteln, sich hinsichtlich des Sounds dabei aber an aktuellen Produktionen aus dem Rap zu orientieren. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten der Texter und der Produzent in ständigem Austausch mit einer Erziehungswissenschaftlerin zusammen. Rapucation-Gründer Robin Haefs konnte den Lerneffekt, den das neue Konzept der Raucationers hat, bereits im Rahmen seines Studiums erfolgreich wissenschaftlich überprüfen. Rapucation ist weiterhin dabei, daran zu forschen, wie sich das Potenzial des Raps im Bereich der Bildung erfolgreich einsetzen lässt.

Emotionales Lernen mithilfe von Rap

Rap scheint nicht nur dazu in der Lage zu sein, Schülern Unterrichtsstoff leichter und besser einprägsam zu vermitteln, sondern den Stoff auch emotionaler zugänglich zu machen. Eine wichtige Sache, denn das emotionale Lernen an sich ist in den meisten Schulen eher noch ein Randthema, obwohl diverse Studien immer wieder zeigen konnten, dass ein emotionaler Bezug zum Unterrichtsstoff Lernerfolge erleichtert – ein Zusammenhang, den auch das Bildungsprojekt „Rap macht Schule“ nutzt.

Rap und Schule

Es handelt sich dabei um Workshops, die „Christian Weirich“ anbietet und in denen er Schiller und Goethe ins heutige Zeitalter übersetzt, indem er an Jugendsprache anknüpft und die Themen in Rapsongs verpackt. Nicht nur scheinen Schüler damit etwa Gedichte schneller auswendig zu können, sie lernen auch noch etwas über Atmung, Betonung, den Takt sowie den Einsatz der eigenen Stimme. Weirich selbst erklärt sich den Erfolg so: „Der Lerneffekt ist schneller, weil mit dem Herz gelernt wird. Die Kids haben das Gefühl sie lernen etwas für sich selbst und sind mit leuchtenden Augen dabei“.

Dass diese Form des Umgangs mit Rap und mit Unterricht etwa im Fach Deutsch sich durchsetzen kann, zeigen die Erfahrungen, die Weirich immer wieder sammeln konnte. Die Schüler seien anfangs zwar oft noch skeptisch, spätestens nach dem zweiten Song würden sie aber grinsen, mitnicken und den Workshop oft sogar freiwillig auf Instagram posten. Hin und wieder käme es sogar vor, dass ihm einige Schüler irgendwann selbst eingerappte Gedichte per MP3 zukommen ließen. Und das sollte durchaus als Erfolg verzeichnet werden: Das Kinder und Jugendliche freiwillig etwa ein Schillergedicht auswendig lernen, um es dann in Form eines Raps abrufen zu können. Sicher würde es dem Klima in vielen Klassen – und dabei den Schülern und Lehrern gleichermaßen – guttun, ähnliche Erfahrungen sammeln zu können.

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